Der Einbrecher in der Nacht

Ich kuschel mich in meine Flauschibettwäsche, liege auf dem Rücken und strecke mich mit vollem Körpereinsatz nur um mich danach gleich noch mehr einzukuscheln. So ein frisch bezogenes Bett ist schon herrlich! Total zufrieden dämmer ich langsam in den Schlaf… so mag ich einschlafen am liebsten. Nicht immer dieses ständige hin und her gewälze…

Ich sinke in einen tiefen und erholsamen Schlaf und werde erst am nächsten Nachmittag wach durch seltsame Geräusche die ich nicht einordnen kann. Ich stehe auf und öffne die Schlafzimmertür. Überall liegt etwas im Flur verteilt. Sinnlose, zerknüllte Dinge, die ich nicht wirklich in meinem Kopf katalogisieren kann, aber ich weiss das sie mir gehören. Alle Schubladen und Schränke sind zwar geschlossen, trotzdem hat es den Anschein, dass jemand sie durchwühlt hat und eben diese Dinge auf den Boden geschmissen hat. Verwirrt geh ich ins Wohnzimmer, auch hier das selbe Bild. Der Boden ist über und über voller zerknüllter Gegenstände. Ich laufe zurück in den Flur und langsam dämmert mir es, das das nicht die Katzen gewesen sein können. Aber wie zum Teufel kommt in der Nacht jemand in die Wohnung?

Vom Regal nehm ich meine 200 Euro, die ich vor 2 Tagen dort hingelegt habe und zähle sie nach. Der Betrag stimmt. Aber wieso sollte sich ein Einbrecher auch nur einen Teil davon nehmen bzw es ganz liegen lassen wenn es so offensichtlich liegt? Also war doch kein Einbrecher hier? Mein Blick fällt auf die Haustür. Sie ist offen. Zwar angelehnt bis zur Türzarge – aber offen! Wieso? Wer war das? Warum habe ich das nicht gehört? Mir läuft ein eiskalter Schauer den Rücken runter und ich schliesse die Tür, drehe den Schlüssel 2 mal um, hänge die Kette ein und drehe mein Sicherheitsschloss mit dem großen Riegel auch noch 2 mal rum. Mir ist schlecht. Jemand war heute Nacht während ich im Schlafzimmer war in meiner Wohnung und hat sie durchwühlt. Deshalb bin ich wachgeworden! Die unbekannten Geräusche! Meine Gedanken rasen wie wild doch ich finde keinen Zusammenhang.

Noch während ich versuche all das zu verstehen wird an der Tür gerüttelt von außen. Oh mein Gott! Es beginnt schon wieder… ich drücke mich von innen mit aller Kraft gegen die Tür. Mein Adrenalinspiegel ist schlagartig gestiegen und ich fange an zu zittern, in meinem Kopf spielen sich 1000 Gedanken ab, wie ich aus dieser Situation rauskomme. Angriff ist die beste Verteidigung! denke ich mir und fange an gegen die Tür zu brüllen während ich meine Schulter und meine Arme dagegenstämme: „Verschwinde! Hau ab hier! Du kommst hier nie rein!!!“ Ich bin erstaunt wieviel Kraft ich in meiner Stimme habe, obwohl sich mein Körper kaum noch unter Kontrolle hat vor Angst. Von draußen kommt nur ein hämisches Lachen und ich höre, wie Werkzeug zum Einsatz kommt um die Tür zu öffnen.

Mir werden die Knie zittrig und ich fühle mich wie in einem Käfig aus dem es kein Entrinnen gibt. Denk nach! Denk nach! sage ich zu mir selbst und plötzlich durchfährt es mich wie ein Gedankenblitz. Natürlich. Das Telefon! Die Polizei. Warum bin ich nicht schon früher drauf gekommen? Ich blicke auf die Tür und die Sicherheitsschlösser. Das wird ein Telefonat lang halten! Als ob mein Gegendrücken stärker ist als die Schlösser, so ein Blödsinn. Aber in der Not glaubt man alles. Ich stürme ins Wohnzimmer und versuche die Nummer der Polizei zu wählen. Die Angst und die Hektik machen mir zu schaffen und nach 3 maligem Verwählen schaffe ich es auch die richtigen 3 Zahlen ins Display zu tippen. Ich drücke auf den grünen Hörer…

„Sehr geehrter Bürger, durch eine momentan enorme Anzahl von Anrufen können wir ihren Anruf leider gerade nicht persönlich berücksichtigen… “ Die Situation übermannt mich! An meiner Tür steht ein Irrer der unbedingt in meine Wohnung will und ich weiss nicht wieso. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass meine Sicherheitsschlösser nicht mehr lange stand halten werden, ich habe mittlerweile Todesangst weil ich von draußen immer mehr Gelächter höre und immer wieder die Worte „Gleich hab ich dich…“ und diese fucking Polizei hat mal wieder ihren Anrufbeantworter geschaltet, weil die Bundeskanzlerin seit neuestem beschlossen hat, dass das in Ordnung geht. Ich bin mit den Nerven vollständig am Ende. Meinen Körper spür ich nicht mehr. Ich Funktioniere nur noch. Ich handel, weil ich vollständig auf Überleben eingestellt bin, nicht weil ich rational denke. Ich lasse das Band von der Polzei zuende brabbeln, beobachte dabei die Haustür die immer mehr zu Wackeln anfängt. Endlich das erlösende Beep! am anderen Ende der Leitung.

„Wasserstraße!! Schnell!!! Nummer 13. im 4. Stock!!! WASS – ER – STRA – ßE! ES WILL HIER JEMAND EINBRECHEN UND MICH UMBRINGEN!!!!“ die Gedanken, die ich jetzt laut ausgeprochen haben versetzen mir einen Schock und trotzdem weiss ich, dass es die Wahrheit ist. Da draußen steht jemand, dem jedes Mittel recht ist mich umzubringen. Ich lege auf und renne zum Balkon. Die Nachbarschaft liegt friedlich vor mir. In den Fenstern leuchten Weihnachtsketten. Meine Freundin, die eine Etage tiefer auf der gegenüberliegenden Seite wohnt, hat ihre Fenster auch bunt geschmückt. Das ist die Idee!!! Ich blätter durchs Telefonbuch im Telefon und drücke mit zittrigem Finger auf Grün. Es klingelt ewig… Unendliche Sekunden die wie in Zeitlupe vergehen, während die Tür im Schnellvorlauf bearbeitet wird. Endlich geht sie ran!

„DU MUSST SOFORT RÜBER KOMMEN! HILF MIR!!! BITTE – ICH WERDE ERMORDET! DA IST SO EIN IRRER KERL VOR DER TÜR ICH HAB KEINE ZEIT!!! RETTE MICH“ schreie ich ins Telefon und merke nebenbei wie sich die Hintergrundgeräusche verändern. Es wirkt irgendwie als Hallt es jetzt mehr. Panik steigt auf… Ich fühle mich als ob ich keine Luft mehr bekomme, meine Hände schwitzen und mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Ich klammer mich verzweifelt ans Telefon als meine Nachbarin endlich verschlafen antwortet: „Mhhh, mhhh jaa… also… du musst die große Backform nehmen dann kann dir nix passieren. Tut mir leid, ich muss jetzt den Braten in den Ofen schieben. Bis später mal…“ Und legt auf. Augenblicklich wird mein Blick glasig, ich falle in ein tiefes Loch, meine Armmuskeln versagen und die Arme fallen leblos an mir runter, das Telefon poltert auf den Boden. Ich bin verloren… Ich fühle mich wie in einer Seifenblase. Ich schreie aus leibeskräften nach Hilfe, schlage auf die Seifenblase ein doch niemand, der außerhalb dieser Blase steht, hört mich. Alles geht seinen gewohnten Gang. Ich werde übersehen. Ich bin unwichtig. Nicht beachtenswert.

Diese Erkenntnis raubt mir den Atem und ich muss mich zwingen nicht in Ohnmacht zu fallen. Mir wird schlecht bei den Geräuschen, die sich nun immer lauter in mein Ohr drängen. Ich habe Angst in den Flur zu schauen, aber ich zwinge mich dazu. Vom Balkon steige ich zurück ins Wohnzimmer und laufe auf Zehenspitzen mit Nerven so angespannt wie Drahtseile zur Tür und nehme all meinen Mut zusammen um um die Ecke zu sehen.

Ich halte den Atem an… doch es ist zu spät. Er hockt auf dem Boden. Ein junger Mann – ende 20, im Normalfall gutaussehend – packt seinen Schraubenzieher in aller seelenruhe ein. Neben ihm liegt eine Rohrzahnge und noch anderes kleineres Werkzeug. Meine Schlösser liegen aufgeschraubt und auseinandergenommen in ihre Einzelteile auf dem Hausflur verteilt. Daneben liegt die Wohnungstür. Er grinst vor sich hin während er den Schraubenzieher sorgfältig in das dafür vorgesehene Fach schiebt und langsam… ganz langsam hebt er seinen Kopf in meine Richtung. Seine Augen suchen meinen Blick, das grinsen bleibt, seine Augen sind kühl und er fängt wieder an zu lachen. Ein böses Lachen – ein endgültiges Lachen. „Hab ich dir nicht gesagt das ich dich kriege? Du kannst mir nicht mehr entkommen…“

Ich sacke in die Knie, mein Herz setzt ein paar Schläge aus und erneut habe ich das Gefühl in ein Bodenloses Loch zu fallen. Der Kampf beginnt. Ich bin mittendrin und kann mich nicht mehr verstecken. Was bleibt ist die Flucht nach vorne… Die wohl einzige Hoffnung. Das Grinsen muss ihm ins Gesicht geklebt sein. Langsam steht er auf, mit der Rohrzange in der Hand und geht mit gesenktem Kopf aber mich immer mit fixierenden, schwarzen Augen auf mich zu. Ich werde panisch. Leben kommt in meine Beine und ich weiche weiter nach hinten aus. Blos weg von diesem Monster! Er holt mit der Rohrzange aus, ist keine 2 Meter von mir entfernt und will den ersten Schlag austesten. Ich springe einen halben Meter zurück und er geht daneben. Aber in seinem Gesicht sehe ich, dass der Schlag von ihm nicht ernstgemeint war. Er wollte testen… er beginnt zu spielen… ein unfaires Spiel.

Er drängt mich immer weiter in die Wohnung, ich weiche Möbeln aus, stürze, rappel mich wieder auf. Meine Gedanken überschlagen sich. Ich kann sie nicht mehr kontrollieren und meine Panik schlägt in Todesangst um. Mit dem Rücken zur Wand stehe ich vor ihm und wünsche mir so sehr, dass mich diese Wand jetzt einsaugt und ich für ihn unerreichbar bin. Sekunden später schnappt er nach mir, ich ducke mich seitlich weg, aber es reicht nicht… Seine Finger können meine Haare greifen und krallen sich daran fest. Ein stechender Schmerz durchfährt meinen Kopf und ich merke wie er mich fester anpackt, die Haare um seine Faust dreht und mich nun fest am Haaransatz hält, meinen Kopf nach hinten gedrückt, so dass ich verdreht in seinem Griff hänge und keine Möglichkeit habe mich weiter zu bewegen.

„Nun… als erstes fangen wir langsam an. Du sollst ja auch etwas davon haben… Ein paar Zähne weniger stehen dir bestimmt…“ klickend hält er die Rohrzange über mein Gesicht. Mir schiessen die Tränen in die Augen, er setzt die Rohrzange an meinen oberen Schneidezahn an… und fängt an zu ziehen… Der wahnsinnige Druck macht sich augenblicklich in meinem Kiefer breit. Der extreme Überlebenswille in meinem Kopf auch. Ich strampel wie wild, lass mich fallen, habe so die Beine frei und trete wild um mich. Ich schlage mit den Händen nach ihm und fange endlich an zu schreien. Ich schreie mir die Lunge aus dem Hals. Ich schreie so laut, dass es weh tut… Er ist darauf nicht vorbereitet gewesen und lässt erschrocken von mir ab. Schnell winde ich mich aus seiner Nähe und stolper in den Hausflur. Schreien! Warum bin ich nicht vorher darauf gekommen? Mit leibeskräften schreie ich in den Hausflur. Meine Stimme schlägt mir wieder entgegen und ich habe die Hoffnung das irgendjemand im Haus das doch hören muss. Ich kletter über meine Haustür, bleibe am Knauf hängen und lege mich längs der Nase nach hin… Das Gelächter hinter mir lässt mich nichts Gutes vermuten. Er steht hinter mir! Direkt hinter mir. Er brauch sich nur noch Bücken und schon hat er mich…

Der Türknauf ist durch den Sturz abgebrochen und reflexartig greife ich ihn und schmeisse den Knauf mit aller Kraft auf den Mann. Er trifft ihn an der Schläfe. Ein kleines Rinnsal Blut läuft neben seinem Auge lang. Einen Moment ist er abgelenkt. Meine Chance! Ich springe auf und laufe zu den Treppen. 4 Stockwerke liegen vor mir. Ich habe Angst zu stolpern… Angst das er mich erwischt. Ich klammer mich mit der linken Hand ans Geländer, mit der rechten stütze ich mich an der Wand ab und hechte die Treppen hinunter. Die letzten 3 Stufen überspringe ich. Mein Verfolger ist mir dicht auf den Fersen. „Du hast keine Chance! Du wirst dieses Haus nie verlassen!!! Gib dir keine Mühe du machst es dir nur selber schwer!“ schreit er hinter mir in einem irren, fast wahnsinnigem Lachanfall. Sein Blick, die rollenden und gierigen Augen durchstechen mich und ich versuche noch schneller zu laufen. Bei jeder Biegung die die Treppe macht, holt er mich um einige cm ein und kann nach ein paar von meinen Haaren greifen und reisst sie raus. Alle 2 Meter spür ich einen stechenden Schmerz auf der Kopfhaut, wenn er mir Büschelweise die Haare samt Wurzeln rausreisst und mir triumphierend hinterherhält, während ich angsterfüllt im Rennen zu ihm nach hinten blicke…

2. Stock! Gleich geschafft! Eine Frau kommt aus dem Fahrstuhl und beschwert sich, was das denn für ein verdammter Lärm hier den ganzen Abend sei! Ich renne auf sie zu, quetsche mich an ihr vorbei und halte mich dabei an ihren Schultern fest, während ich sie mit mir mit drehe. Bevor ich von ihr lasse, schubse ich die 200 kg Nachbarin noch in die Arme meines Verfolgers, der angewiedert stehen bleibt und sich mit eingezogenem Bauch an ihr vorbeidrängelt…

Mir bleibt nur noch ein Stockwerk. Meine Füße rennen, meine Hände krallen sich in das Geländer. Jetzt bloß nicht stürzen! Seine Worte hämmern immer und immerwieder in meinem Kopf. „Du wirst das Haus nie mehr verlassen!“ Ich bin körperlich am Ende, meine Muskeln reagieren kaum noch, ich stolper, kann mich aber gerade noch halten und laufe weiter… Mein Hals tut vom schreien weh, ich bin außer Atem, die Angst hängt mir wie mein Verfolger im Nacken. Er hat aufgeholt… ist wieder dicht hinter mir.

Die letzten 8 Stufen. Ich sehe die Eingangstür vor mir, ich spüre schon fast den Atem von ihm im Nacken, spüre wie er nach mir greift… Ich greife nach der Eingangstür. Sie ist noch einen Meter von mir entfernt. Ein Katzensprung… ich wiege mich in Sicherheit, Erleichterung macht sich breit, ich habe überlebt! Doch zu früh gefreut. Wieder einmal bohrt sich seine Hand in meine Haare und reisst mich von der Tür weg, die nur noch 10 cm von meiner Hand entfernt war. Ich werde zurückgeschleudert, lande mit meinem Rücken an seiner Brust und sofort schliest sich sein Unterarm um meinen Hals. Mir bleibt die Luft weg, ich merke wie mein Körper schlapp wird und runterhängt. Sein böses Lachen klingelt in meinen Ohren…

*klick*

Klick? Ich höre das bekannte Geräusch wie sich die Haustür öffnet und herein treten 2 Polizisten, die mit ihren Waffen auf uns zielen und ihn anschreien mich fallen zu lassen. Augenblicklich lässt er mich gehen und ich falle voller Erleichterung in die Arme der Polizisten…

Erschrocken wache ich auf und sitze kerzengerade im Bett. Eins steht fest. Jeden Abend wird nun kontrolliert, ob die Wohnungstür abgeschlossen ist und die Merkel kriegt ne Mail, dass Polizeistationen ohne Anrufbeantworter besser sind!

3 Gedanken zu „Der Einbrecher in der Nacht

  1. Cäcilia

    Oh mein Gott.
    Ich dachte es wär echt 😮
    Du hast mir echt Angst gemacht!
    Aber super erzählt, du solltest mal ein Buch schreiben 🙂

    Woah, mein Herz klopft immernoch ganz wild.

    Ich werde auf jeden Fall jeden Abend kontrollieren, dass meine Haustür abgeschlossen ist!

    Antworten

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